Warum heute noch LaTeX lernen? In einer Zeit, in der es ein fähiges, mächtiges Office mit Word von Microsoft gibt, ein ähnlich mächtiges iWork mit Pages von Apple, oder kostenlos ein OpenOffice.org beziehungsweise LibreOffice? Warum die ganzen LaTeX-Befehle lernen?
Der folgende Artikel erschien ursprünglich auf der LaTeX-Buch Seite und ist im Original dort zu finden.
Zen
LaTeX ist anders. LaTeX hat den Fokus aufs Wesentliche – den Inhalt eines Textes – so tief in den Genen, so tief im Konzept verankert, dass es viel leichter fällt, sich darauf ein und die Finger von wilden manuellen Formatierungen zu lassen. LaTeX zu lernen heißt, sich auf eine andere Art des Schreibens einzulassen. Eine Art des Schreibens, bei der das geschriebene Wort zunächst wichtiger ist als der Schriftsatz, in der das Wort aufs Papier oder ins PDF gebracht werden soll. Und doch: Indem sich der Student, Doktorand, Wissenschaftler, Literat, Lehrer, Schüler oder Autoren und ganz normale Menschen wie Du und ich auf das Schreiben von Text und Struktur des Dokuments beschränken, lassen wir den Automaten, der LaTeX heißt, seine Kenntnis ausspielen, wie ein gutes, schönes Schriftstück aussieht.
Ich lerne LaTeX ist eine Rückbesinnung aufs Wesentliche, es ist Zen-Schreiben. Ja, LaTeX lernen bedeutet, sich mit seltsamen Ausdrücken auseinanderzusetzen die man mitten in seinen Text schreiben soll. LaTeX lernen bedeutet zu akzeptieren, dass man nicht sofort auf dem Bildschirm sieht, wie es vielleicht später auf Papier herauskommt. LaTeX lernen heißt, die Struktur seines Dokuments wirklich zu bestimmen. LaTeX lernen heißt Demut zeigen und sich nicht für den Experten für Ästhetik von Schriftstücken zu halten.
Zuverlässigkeit
Noch vor einigen Jahren war der Fall klar – sobald eine Arbeit mit Literaturhinweisen versehen sein soll, und diese Referenzen und das Literaturverzeichnis jederzeit sauber und halbwegs automatisch erzeugt werden soll, führte am Lernen von LaTeX kein Weg vorbei. Ebenso wie für saubere Zeilenumbrüche. Und wenn man noch einige Jahre weiter zurückdenkt, war LaTeX auch eine der wenigen stabilen Möglichkeiten, große Dokumente zu erstellen. Literaturverzeichnis kann heute auch ein Microsoft Word, sogar ein LibreOffice hat irgendwo für Literaturverweise eine Funktion vergraben. Word stürzt fast nie mehr ab, und es hat nun ein einigermassen nachvollziehbares Dateiformat. Doch auch heute machen insbesondere Anwender von Textverarbeitungsprogrammen immer noch Probeausdrucke. Warum, wenn das System doch darauf ausgelegt ist, schon auf dem Bildschirm anzuzeigen, was man später bekommt? (WYSIWYG = what you see is what you get) Weil sie sich eben nicht sicher sind. Weil es auf dem Bildschirm eben doch anders wirkt.
Mit LaTeX mache ich fast nie einen Probeausdruck, wenn das, was ich im PDF sehe, ist exakt das, was ich später auf dem Drucker erwarten kann. Mit LaTeX habe ich die Gewissheit, jede Anforderung an das Aussehen eines Literaturverzeichnis auf dieselbe Weise umsetzen zu können, und jede Art von Literaturverweis sauber und zuverlässig zu setzen – und wie die jüngere Vergangenheit lehrt, kann das über Karrieren entscheiden. Mit LaTeX habe ich die Gewissheit, jede Dokumentgröße bearbeiten zu können, jedes Kapitelformat absolut reproduzierbar gestalten zu können. Wer schonmal ein Microsoft Word Dokument in LibreOffice oder OpenOffice.org geöffnet hat und andersherum, der wird es in LaTeX als sehr angenehm empfinden, wenn der Konferenzbeitrag, die Masterarbeit nach verarbeiten durch eine andere LaTeX-Distribution genauso aussieht wie bei der eigenen.
Zuwachs
LaTeX lernen in Mathematik, Physik, Informatik oder Ingenieurwissenschaften wie Elektrotechnik oder Maschinenbau heißt, den theoretischen Unterbau der Fächer leichter zu Papier bringen zu können und auf viel Erfahrung und bestehendes Material zurückgreifen zu können. LaTeX lernen in Jura, Lehramt, Wirtschaftswissenschaften oder Geisteswissenschaften heißt, die sprachliche Präzision, die angemessen ist, auch auf das Schreiben und in Dokumente zu übernehmen. Und damit ein Zuwachs an Professionalität.
LaTeX lernen in einer Umgebung, in der nicht sowieso alle in LaTeX schreiben heißt, auch mal schief angesehen und für seltsam erklärt zu werden. LaTeX lernen heißt freilich auch, manchmal einen Fehler zu suchen, der das Verarbeiten des Dokuments verhindert – was oft seinen Grund darin hat, dass man irgend einen Automatismus überlisten will und meist gar nicht bräuchte. Und damit heißt LaTeX lernen eben auch, immer wieder subtil darauf hingewiesen zu werden, dass das eigentliche am Schreiben der Inhalt des Textes ist. Und ebenso heißt LaTeX lernen damit auch, sich immer wieder aufs neue zu freuen, welch schönes Ergebnis am Ende steht.
Warum also LaTeX lernen? Nicht obwohl es anders ist. Sondern genau darum.
Fangen Sie an. Darum gibt es das LaTeX-Buch.
(Bild: Enso von Alex Castro auf Flickr. Lizenz CC-BY)
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ist ja wohl voll krank, zur Rechtfertigung des LaTeX-Wahnsinns immer Vergleiche mit Word heranzuziehen – an den Haaren, versteht sich. Es gibt RICHTIGE Schriftsatzprogramme – Word zählt sicherlich nicht dazu. Und in RICHTIGEN Satzprogrammen sieht man auf dem Bildschirm, was rauskommt. Und selbtverständlich kann man formatieren, automatisch numerieren etc. Nur muss man eben nicht so’n Quark machen und einen Text mit Tags schreiben.
Muss man LaTeX einsetzen? Nein, von müssen kann keine Rede sein. Gibt es gute Satzprogramme? Ja, sicher, sehr gute sogar. Sind diese Satzprogramme in ihren Feinheiten einfach zu bedienen? Komplexe, reichhaltige Funktionalität bedingt eben eine gewisse Komplexität in der Bedienung, egal ob das mit Befehlen oder mit der Maus geschieht. Kann ich – trotzdem – das meiste auch in Word machen? Ja, und es sogar vernünftig aussehen lassen.
Das alles ist nicht der Punkt. Niemand muss LaTeX rechtfertigen. Auch ich nicht. Ich mag LaTeX einfach.