TEDxMunich – Tweetrospektive

Eine gute Veranstaltung war dieses TEDxMunich am 7. Juni in der TonHalle München.

Beinahe wäre es mit dem Live-Twittern nichts geworden:

Die TonHalle ist in der Nähe des Ostbahnhofs leicht zu finden, und zu spät bin ich auch nicht dran:

Pünktlichkeit ist ja die Kunst abzuschätzen, wie weit sich der andere verspäten wird. Und damit lag ich ganz gut.

Die Halle selbst erstaunt mich dann doch, weniger wegen der Halle selbst, sondern mehr wegen der Nicht-Dekoration. Ein großes TEDx-Logo hätte bestimmt noch zum TED-Feeling beigetragen und sich auf Fotos wohl gut gemacht.

Nach zwei für mich schwer zugänglichen Vorträgen zum Auftakt gibt es nun den ersten Redner, der sichtbar zum und mit dem Publikum spricht und sich nicht hinter Technik versteckt, obwohl er Technik nutzt:

Peter Plantecs virtuelle Assistentin ist – trotz großer technischer Schwierigkeiten und Verzögerung – ein versöhnlicher Abschluß der ersten Session.

Bei Naomi Isaacs Vortrag über ihr Projekt »Jeder kann singen« ist für mich dann endgültig die Eröffnung von TEDxMunich. Ihre Präsenz, ihr bewußter Einsatz von Sprache, ihr Herantreten ans Publikum, die kleinen Übungen für alle, das war ganz großes Kino. Übrigens ohne jegliche Technik.

Die Zusammenballung von immer mehr Menschen in städtischen Umgebungen ist eine Herausforderung, die speziell in der südlichen Hemisphäre zu gigantischen wilden Siedlungen führt (zu dieser Rede ist auch der Abstract lesenswert). Prof. Hubert Klumpner von der ETH Zürich berichtet über ein Projekt, bei dem in einer großen Siedlung eine Seilbahn als öffentliches Nahverkehrsmittel gebaut wurde. Alpenländische Ingenieurskunst als Lösung für ein Urbanisierungsproblem – wunderbar. Und ein sehr überzeugender Redner dazu.

Wie noch mehrmals an diesem Tag werden TED-Videos eingestreut, die durchwegs kurze, gute Reden von meist US-amerikanischen TED- und TEDx-Veranstaltungen bringen. Dies bremst jedoch leider das Live-Gefühl und macht es den anwesenden Rednern schwerer.

Dr. Peter Friess weiß, was im Silicon Valley in Sachen Kunst passiert, denn er hält das Tech Museum San José am laufen und gibt in seinem Vortrag Einblicke in die unterschiedlichen Vorstellungen eines Museum von europäischen und amerikanischen Besuchern, und dass die Kunst der Innovation auch stark darin besteht, existierendes zu finden und zur Anwendung zu bringen. Mir gefällt’s.

Wo kommt Innovation her? Wie läßt sich Innovation vorhersagen? In einer mitreißenden Rede gibt Richard Watson einen Einblick in die szenarienbasierte Vorhersagewelt. Die Zukunft hängt demnach davon ab, was jeder einzelne für sich als mentales Modell wählt.

Ein Feuerwerk an Gags aus guter Beobachtungsgabe brennen die Improvisationstheater-Künstler »Crumbs« ab. Stephen Sim und Lee White sind wunderbar aufeinander eingespielt und nehmen Versatzstücke aus den Reden bis hierher auf, wirbeln sie durcheinander und bauen eine tolle Parodie daraus.

Das Unglück von Fukushima ist tragisch und wäre wahrscheinlich vermeidbar gewesen, und dennoch kann ich persönlich mit der Rede der Greenpeace-Mitarbeiterin nichts anfangen (was an mir selbst liegen kann).
Sehr schön dafür die Musik danach mit der Jazzformation »Von Mosch-Levy-Hollander Group«. Zwei Saxophone, ein Kontrabass, Schlagzeug: das ist alles, was die Jungs brauchen, um abwechslungsreich und ansprechend zu spielen.

Das »Küken des Tages« ist Ricardo Sousa mit einem Vortrag über die Notwendigkeit, Unternehmertum in Schulen zu lehren statt bloßer Fakten. Wunderbar inspirierend, und obendrein optisch ansprechend umgesetzt:

Als Pseudo-versehentliche Einlage folgt eine Live-Videoverbindung mit einem Chatroulette-Pianisten, der auf Zuruf Musikstücke zu beliebigen Themen improvisiert. Nett.

Unter dem Schlagwort Hyperinstrumente stellt Tod Machover vom MIT Media Lab zum einen Instrumente vor, die anstatt klassischer Klangerzeugung aus beliebiger Haptik Klänge, Töne und Klangfärbungen erzeugen, und zwar sowohl für Profimusiker als auch für Kinder und Laien. Der Vortrag gipfelt in der Vorstellung einer durch ihn initiierten und ausgearbeiteten Oper, die diese Technologien – die sich auch mit Gesang verbinden lassen – auf die Bühne bringt.

Das Lokal Buck’s of Woodside betreibt Jamis MacNiven in San Jose, und erzählt über Begegnungen und den Erfindergeist von Silicon Valley. Und so wie HP in der Garage anfing und Apple in Steve Jobs’ Wohnzimmer, so hat übrigens auch Jack Littles MATLAB und MathWorks als kommerzielle Implementierung seinen Ursprung in einem Wohn/Schlafzimmer im Silicon Valley.

Ein paar mehr Sprecher aus Deutschland und Europa täten der Konferenz bestimmt ganz gut. Haben wir tatsächlich so wenige Menschen in der Region, die etwas für TEDx passendes zu sagen haben?

Gesundheitsbedingt gibt es nur eine Videoverbindung zu Robert Caughlan, der Gedanken zu Naturschutz, Sauberkeit der Meere und eigene Verhaltensweisen mitgibt, dies aber auf sehr inspirierende und nicht belehrende Weise tut.

Im vorletzten Vortrag erzählt Vulkanologe Dr. Andrew McGonigle von der Uni Sheffield über Datenaufnahme und Deutung von vulkanischen Gasen. Ein sehr kurzweiliges, spannendes und doch komplexes Thema, überzeugend und mitreißend präsentiert!

Den rednerischen Abschluss bestreitet Frank X. Lonergan über das Burning Man Festival, eine alternative Kultur/Musik/Kunst-Party, die jedes Jahr in Nevada zehntausende eine Woche zum campen in die Wüste lockt. Schön illustiert und vorgetragen.

Das krönende Finale kommt wiederum von Sängerin und Coach Naomi Isaacs zusammen mit Pianist Andy Lutter.

Fazit: eine schöne Veranstaltung mit überwiegend guten Vorträgen. Gute Gespräche und nette Leute kennen gelernt.

Wer andere Eindrücke lesen möchte, wird bei Daniel Rehn fündig, der live gebloggt hat. Meine persönliche fotografische Erinnerung an den Tag findet sich auf 365 Tage:

TEDxMunich - 365 Tage

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