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Córdoba – Duisburg 1:21 (+5·10²)?

Kann man zwei Unglücke miteinander vergleichen? Der Anstand gebietet, das nicht zu tun. Eher schon läßt sich die mediale Aufmerksamkeit über das jeweilige in Relation setzen. Dennoch habe ich lange überlegt, ob ich diesen Artikel schreibe; ob sich pietätvoll darüber schreiben läßt. Der Name der Stadt Duisburg ist seit letztem Woche wohl auf lange Zeit verknüpft mit der Massenpanik bei der Love Parade, den 21 Toten und 5·10² Verletzten (ich gebe diese Schreibweise an, um nur die Größenordnung, nicht aber die genaue Zahl zu nennen). Und Córdoba, also Spanien? War da was, außer daß die Fußballmannschaft Weltmeister geworden ist? Eben. Mediale Aufmerksamkeit.

In der Region um Córdoba in Spanien ist um den 20. Juli ein fünfjähriger Junge gestorben, vermutlich während seine Mutter nach einer Autopanne Hilfe holen wollte und sich verirrte. Die Mutter war mehrere Tage unterwegs, bis sie in desolatem Zustand eine Ortschaft erreichte. Sie konnte sich kaum mehr verständigen und es dauerte, bis den Helfern gewahr wurde, daß da irgendwo noch ein Kind sein mußte. Man fand den Jungen nach tagelanger Suche tot unter einem Busch. Alle Wasserflaschen, die die beiden dabei hatten, waren ausgetrunken. Der Junge ist allem Anschein nach verdurstet.

Jetzt mag man das eine ist eben einer und das andere zwanzig, und außerdem geografisch näher, doch auch der Junge und seine Mutter kommen aus Deutschland.

Ganz ehrlich: Mir als Vater geht die Meldung aus Spanien näher. So skandalös das Unglück auf der Love Parade erscheint: Auch aus Sicht der Verunglückten ist das Sicherheitsrisiko bei einer Massenveranstaltung wahrscheinlich höher als wenn ein Fünfjähriger mit seiner Mama unterwegs ist. Mann kann nun (und offizielle Stellen tun das auch) der Mutter vorwerfen, ihr Kind allein zurückgelassen zu haben, selbst wenn sie dies eventuell aus dem Antrieb heraus tat, ohne ihren Sohn schneller Hilfe holen zu können und so in Summe schneller zu helfen, doch wahrscheinlich ist: Ein Fünfjähriger war zwei Tage ganz allein, ohne Zuspruch und Nähe, er mußte allein nachts draußen schlafen, und schließlich starb er wohl allein, in der Erkenntnis, daß die Mama nicht zurückkommt. Das heißt, bevor er starb, starb wahrscheinlich zuerst sein Urvertrauen. Kleine Kinder müssen darauf vertrauen (können), daß egal wohin die Mama geht, sie immer wieder kommt.

Ich selbst war noch nie bei so einer Großveranstaltung wie der Love Parade, auch weil mich allzuviele Menschen auf engem Raum deutlich beunruhigen, und weil mir bei dieser konkreten die Musik nicht zusagt.

Warum habe ich den Post mit “1:20” betitelt? Nicht nur, aber auch weil das in etwa (Magnitude) ebenso dem Verhältnis der medialen Aufmerksamkeit der Vorgänge entspricht.

Das Córdoba-Unglück: Was lieferte SpOn? Genau drei Berichte. Nebenbei bemerkt gab es ja in der Druckausgabe vergangene Woche keine geänderte Titelseite. Über die Wikileaks-Dokumente kommt offensichtlich auch eine Massenveranstaltungspanik nicht drüber. Bild.de hat das Thema etwas mehr ausgeschlachtet, wobei hier Quantität wie üblich nicht unbedingt Qualität bedingt: Insgesamt sind bis heute acht Artikel darüber erschienen.

Nun die Love Parade: auf SpOn finden sich so viele Artikel, dass eine Zahl ohne Bedeutung ist, sondern eher die Themenseite einen Eindruck verschafft. Google News sagt es seien bis heute 31. Für Bild.de sind es laut Google News 144.

Und die Blogosphäre? Das ist etwas ganz anderes. Da finde ich es noch viel natürlicher, dass das Unglück auf einer Veranstaltung mit vielen Menschen entsprechend viele Menschen beschäftigt. Viele dieser Menschen waren vielleicht selbst dabei oder kennen jemanden. Die Zahlen allein, die etwa Googles Blogsuche für Duisburg hergibt, liegt bei fast 2500, darunter natürlich auch prominente Blogs wie Johnny Haeusler, der wunderbar verdeutlicht, warum das im Internet eben ein “Buzz” entsteht, bei Stefan Freise oder auch bei Sascha Lobo, der meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft.

So verwundert es mich auch nicht, dass die Blogsuche für den verdursteten Jungen zwar an die 60 Treffer liefert, die meisten davon jedoch in Online-Magazinen oder Webseiten von Zeitungen logieren.

Was bleibt? Zwei tragische Begebenheiten. Vielleicht tröstet die Angehörigen der Duisburg-Opfer ja, dass im Vergleich zu dem fünfjährigen Jungen bei der Love Parade niemand mutterseelenallein nach Tagen sterben mußte. Herzliches Beileid deswegen den Angehörigen aller Opfer, und natürlich auch denen der rein statistisch gesehen 75 Verkehrstoten diese Woche. Jedes solches Unglück ist eines zu viel, egal ob junge Leute feiern oder ein Kind mit seiner Mama beim Wandern ist.