Strandkehrmaschine am Morgen

Ökosystem Strand – 14 typische Bewohner

Die Urlaubssaison ist wohl vorbei. Wo waren Sie? Am Meer? Vielleicht am touristisch erschlossenen Meer? Was gehört eigentlich alles zum Ökosystem Strand? Die natürlichen Ressourcen sind freilich Meer, Sandstrand und Sonne. Wer aber lebt sonst noch hier? Wie funktioniert das System? Keine Angst, ich bin kein Biologe, sondern habe es mehr mit System als mit Öko. Meine Theorie: Immer, wenn die vier Ressourcen Meer, Sandstrand, Sonne und Geld zusammenkommen, entsteht folgendes Ökosystem in der einen oder anderen Ausprägung:

  1. Hotelier: beherbergt die Urlauber, ist erste Anlaufstelle. Zwischen einzelnen Hotels bestehen große Qualitätsunterschiede. Die meisten der anderen Bewohner des Ökosystems benötigen das Hotel als Katalysator, um ihren eigene Rolle ausfüllen zu können. Das Hotel selbst ist sein eigenes, kleines Ökosystem, welches ich hier jedoch nicht näher betrachten möchte.
    Wer nicht wie wie selbst mit angereist ist, der braucht vielleicht den nächsten Teil des Ökosystems:
  2. Busunternehmer: Irgendwer muss ja die ganzen Menschen erstmal aus Deutschland zum Strand karren. Wer nicht selbst anreist, kommt mit dem Bus. Das Klischee, jeder Bus enthielte mindestens drei Jahrtausende Lebenserfahrung, hält dem Realitätstest immer noch stand.
  3. Strandbetreiber: kooperieren teilweise mit Hotels, eher selten ist der Hotelstrand. Große Qualitätsunterschiede bestehen in Sachen Speise-, Getränke- und Unterhaltungsangebot wie etwa Spielplätze, das Grundangebot “Sand” ist überall gleich. Der Betrieb eines Strands kann anscheinend durchaus lukrativ sein, so mancher Strandbetreiber hat mittlerweile auch ein Hotel übernommen. Der Strandbetreiber fungiert auch als Wettervorhersage. Räumt er am Abend die vorderste Reihe Liegen weg, so sind für den nächsten Tag hohe Wellen garantiert.
  4. Hersteller von Strandliegen und Strandschirmen: Dürfte wohl eine Großindustrie in der Mittelmeerregion sein. Trotz der robusten Konstruktion und Ausführung, die die Liegen sehr dauerhaft machen, unterliegen sie natürlich einem Alterungs- und Abnutzungsprozess. Die meisten Liegen stammen tatsächlich aus einheimischer Produktion. Das Quietschen des Dachs ist übrigens Grundvoraussetzung und dient als Einschlafhindernis.
  5. Badetuchverkäufer: fliegender Händler, der dem Strandgast Badetücher andingt. Überwiegend sehr höfliche und fröhliche Menschen, was daran liegen mag, dass mit Badetüchern tatsächlich Umsatz zu machen ist. Die Ware stammt zumeist aus ägyptischer Produktion und ist oft von einwandfreier, schwerer Qualität. Der Badetuchverkäufer gehört zu den Polyglotten, seine Vielsprachigkeit übertrifft die der meisten anderen Teilnehmer des Ökosystems. Hat dennoch wahrscheinlich eher keine Reisegewerbekarte.
  6. Coco-bello-Händler: Übernehmen den Bring-Service für Kokosnüsse (coco bello), Süßigkeiten (bóni boni) und kandierte Früchte (candidi)direkt zur Sonnenliege. Ihre Rufe erschallen in verschiedenen Stimmlagen und mit angepassten Texten. Sie sind für die Akustik des Ökosystems unbedingt erforderlich.
    Auch Teil der Akustik ist der nächste Bewohner:
  7. Animateure: In vielen Strandabschnitten beauftragt der Strandabschnittsbetreiber junge Leute, die anwesenden Kinder durch Mitmachtänze zu vielen lokalen und wenigen internationalen Schlagern sowie Bastelangeboten zu unterhalten. Auch sportliche Turniere in Boccia und Volleyball werden durch sie gern organisiert. Man kann geteilter Meinung über diesen Bewohner sein.
  8. Uhren-, Schmuck-, Hüte-, Tücherverkäufer: auch rennende Händler genannt, weil sie das Weite suchen, sobald sich Carabinieri (Polizei) zeigen. Tragen ihre Ware entweder über den Arm gelegt, hoch aufgetürmt auf dem Kopf, oder sie stellen an der Wasserlinie gleich ganze Klapptische auf. Sind üblicherweise keine Selbständigen, sondern in Kolonnen unterwegs. Wenn man an der richtigen Strasse sein Hotel hat, sieht man die Kolonne am Morgen anrücken. Samt Aufseher, das ist der, der nichts in der Hand trägt. Die Vielsprachigkeit ist hier oft nur vorgetäuscht, und beschränkt sich auf Attribute wie billiger, gute Preis sowie Markennamen wie Rolex, Breitling, Versace und ähnliche. Auf einen Coco Bello kommen übrigens 4-5 dieser Nippeshändler.
  9. Masseusen: im Zweifelsfall noch schneller rennendes Volk, weil diese Damen von den Strandbetreibern nicht gern gesehen werden. Meist von ozeanischem oder asiatischen Anschein, versprechen sie den Badegästen Entspannung durch Massagio. Bisweilen sind dann am Strand klatschende Schläge zu hören, wenn sie gerade einen der gestrandeten Wale durchkneten.
  10. Carabinieri: selten gesehene Polizisten, die nach dem Rechten sehen. Um rennende Händler zu verscheuchen, kommen sie auch schonmal per Jetski übers Wasser. Die Nachhaltigkeit dieser Maßnahme ist zu bezweifeln.
  11. DSC06736 Tretboot- und Banana-Boat-Verleiher: Um sich auf dem Meer bewegen zu können, ohne zwangsläufig naß zu werden, gibt es die Verleiher von Wassergefährten. In der Regel sind diese mit Muskelkraft betrieben und weisen optional eine gerade oder gebogene Rutsche auf. Ebenfalls verfügbar sind große bananenförmige Gebilde, die hinter einem Motorboot hergezogen werden können. Beides fällt unter Spielgerät.
    Apropos Spiel:
  12. Spielhöllenbetreiber: Kinderfänger für den Nachwuchs jeden Alterns. Arbeiten mit einer eigenen Währung, den sogenannten Gettoni. Die kleinen erfreuen sich am Elektroautofahren, die größeren Daddeln an die Videospielen der frühen und späten 90er Jahre. Unser Nachwuchs war zudem vom »Scheibeln« begeistert (die genaue Bezeichnung des Spiels entzieht sich meiner Kenntnis, Update: es heißt »Air-Hockey«, dank an meine Ehefrau für die Übersetzung).
  13. Örtlicher Baggerdienst: Fährt morgens mit Bagger und Siebmaschine den Strand auf und ab, um den Sand zu glätten und aus der obersten Schicht die Muschelreste abzusieben, und gegebenenfalls angespülten Tang und anderen Unrat zu entfernen. Schließlich sollen die Badegäste ja den Sand genießen können. Daneben hat jeder Strandbetreiber auch selbst entweder eine Art Kehrmaschine zum anschieben, die ebendies für seinen Teil des Strands tut, oder zwei Arbeiter, die das mit Rechen und Schaufel erledigen.
  14. Tourist: Letztendlich zielt das Ökosystem natürlich darauf ab, den Touristen anzulocken, egal ob von fern oder von nah. Verschiedene Orte, ja auch verschiedene Hotels spezialisieren sich dabei auf verschiedene Arten und Herkünfte von Touristen. Der Tourist bringt eine wichtige Ressource in System, die unbedingt zu einem gesunden Ökosystem Strand gehört: Das Geld. Dafür darf er dann auch in zu kurzen Hosen und Muskelhemd beim Abendessen einen Berg Meeresfrüchtesalat auf seinen Teller häufen und das ganze mit etwas Roastbeef und Ketchup garnieren.

Habe ich noch etwas vergessen?

Wellenläufer - 365 Tage

12 Tipps, um das Urlaubsgefühl in die Arbeit hinüber zu retten

Ist Ihr Urlaub schon vorbei? So schaffen Sie es, die Erholung und das Urlaubsgefühl mit in den Arbeitsalltag zu nehmen.

  1. Planen Sie Ihren Urlaub so, dass Sie z.B. bis Dienstag Urlaub nehmen, so dass Sie mit einer kurzen Woche wieder starten. Es hilft, wenn die erste Woche nicht gleich eine lange ist.
  2. Planen Sie mindestens einen Tag zwischen Heimreise und erstem Arbeitstag ein. Besonders wenn Sie fliegen, braucht der Kopf einige Zeit, um nachzukommen. Direkt vom Strand ins Büro kann einen leichten Kulturschock auslösen. Packen Sie zu Hause gemütlich aus, gehen mit den Kindern auf den Spielplatz oder nochmal ins Freibad, und lassen den Urlaub mit Ihrem Partner bei einem schönen Abendessen ausklingen.
  3. Gehen Sie ganz früh ins Büro. Je weniger Leute vor Ihnen da sind, umso besser. Auf diese Weise steigt der Geräuschpegel nur langsam, und sie können sich an Ihre Kollegen quasi einzeln wieder gewöhnen, statt direkt in ein geschäftiges Umfeld geworfen zu werden.
  4. Beantworten Sie nicht gleich am ersten Tag morgens alle Mails in Ihrem Postfach. Die wirklich wichtigen Dinge besprechen Sie einfach direkt mit Ihrem Chef und Ihren Mitarbeitern. Das bringt uns zum nächsten Tipp:
  5. Sprechen Sie mit Ihrem Chef, Kollegen und Mitarbeitern. Besser, als die Historie von Dokumenten nachzulesen ist, sich zuerst die subjektive Meinung der Kollegen einzuholen. Diese haben auch die Begleitinformationen, den Flurfunk und können Ihnen so besser als die Datenlage ein komprimiertes Bild geben. Die Detailinformationen können Sie später immer noch nachlesen.
  6. Lassen Sie die Abwesenheitsnotiz und den Anrufbeantwortertext noch mindestens einen halben Tag auf Urlaub stehen. Muss ja nicht gleich jeder wissen, dass Sie wieder da sind. Umso größer wird die Freude des Anrufers sein, wenn Sie trotzdem zurückrufen.
  7. Machen Sie eine Liste der aufgelaufenen Aufgaben, anstatt gleich blindlings loszulegen. So bleiben Sie Herr Ihrer Arbeit, anstatt dass die Arbeit gleich Sie beherrscht.
  8. Leeren Sie Ihr Postfach, indem Sie zunächst alle eingegangenen Nachrichten nach Gesprächsverlauf sortieren, so dass die neueste Nachricht oben ist. Auf diese Weise bekommen Sie Diskussionen vom Ende her mit (Outlook 2010 kann übrigens Gespräche aufräumen und alle bis auf die neueste Nachricht einfach löschen).
    Dann sortieren Sie die Nachrichten in drei Kategorien einteilen: a) Zu beantworten/bearbeiten. Beantworten Sie sie nicht, außer es ist tatsächlich nur ein “geht klar” oder ähnliches, was weniger als eine Minute dauert. Das kann auch sein, daraus eine Aufgabe zu erstellen. Ziehen Sie die Mail in Outlook einfach auf das Aufgabensymbol links. b) Zu Lesen. Nachrichten, auf die hin Sie nichts unternehmen müssen, die Sie jedoch interessieren, legen Sie hier ab. Lesen Sie jetzt noch nicht! Das hat Zeit! c) Der Rest kommt in den Papierkorb. Das funktioniert übrigens genau so auch mit der Briefpost.
    Auf diese Weise habe ich nach dem Urlaub schon mehrfach in weniger als einer Stunde hunderte von Mails gesichtet und sortiert, ohne dass es in Stress ausartet und ohne davon überwältigt zu sein. Üblicherweise kommen 10-15% in den Bearbeiten-Ordner, etwa 20% in den Lesen-Ordner, die restlichen zwei Drittel fliegen in die Tonne.
  9. Rufen Sie jemanden in einer anderen Niederlassung Ihrer Firma an, mit dem Sie normalerweise weniger zu tun haben. Nehmen Sie eine der Mails als Anlaß, und fragen Sie bei der Gelegenheit nach globalen Neuigkeiten in der Firma. Oft ergibt sich dadurch ein vollständigeres Bild, als wenn Sie nur lokale Informationen haben.
  10. Führen Sie ein ausführliches Weekly-Review nach der Methode Getting-Things-Done durch. Dies sortiert Ihre Prioritäten und bewahrt Sie vor hektischem Aktionismus. Aktionismus ist der Feind des Urlaubsgefühls.
  11. Besser als für Routinetätigkeiten wie Post beantworten, Lesen, Verwaltungsarbeiten ist Ihr Geist jetzt geeignet, Entscheidungen zu treffen und kreative Aufgaben abzuarbeiten. Dadurch, dass Ihr Kopf durch den Urlaub hoffentlich vom Klein-klein gereinigt wurde, können Sie das große Ganze klarer sehen. Wenn Sie also Ideen brauchen oder Entscheidungen treffen sollen, sind die ersten Tage nach dem Urlaub wie geschaffen dafür. Bei Entscheidungen werden Sie überrascht sein, wie schnell Sie die dafür notwendigen Informationen aufnehmen können, sei es durch Lesen oder durch Befragen von Mitarbeitern und Kollegen.
  12. Spendieren Sie eine Runde Kekse, Eis oder ähnliches. Teilen Sie Ihr Urlaubsgefühl, denn Ihre Kollegen werden das auf Sie zurückspiegeln.

Funktioniert das alles garantiert? Nein, bestimmt nicht. Doch es hilft. Ich habe es diese Woche ausprobiert, in der mein eigener Urlaub endete. Den ersten Tipp habe ich diesmal gleich ausgelassen, aber wer ist schon perfekt? Die Ergebnisse der ersten beiden Arbeitstage ansonsten: Inbox Zero von 428 Mails auf Null in 3 Stunden (heißt ja nicht, dass alles schon bearbeitet ist, dafür 380 Mails schon gelöscht), gute Gespräche, den Kollegen hat das Eis geschmeckt. Und ich fühle mich nach wie vor gut erholt.

Und was machen Sie nach dem Urlaub, um angenehm wieder in den Arbeitsalltag zu kommen?

(Foto: Joachim Schlosser, Wellenläufer – 365 Tage)

Clouds von theaucitron (CC-BY-SA)

Gesamtsystem-Optimierung per Simulation als Erfolgsfaktor

Dr. Stefan Kampmann, Bereichsvorstand für Elektrofahrzeug- und Hybridsysteme bei Bosch, hat einen meines Erachtens sehr wichtigen Artikel im ATZblog zum Thema Systemkompetenz im Automobil geschrieben. Er schreibt »Eine reine Optimierung einzelner Komponenten ist dabei [bei der Nutzung von Hybrid- und elektrischen Antrieben] nicht ausreichend. Die Suche nach optimalen Lösungen hinsichtlich Zusammenspiel und Effizienz muss bereits auf Gesamt-Systemebene ansetzen und dann in Subsysteme und Produkte weitergeführt werden.« Simulation dürfte dafür Schlüsseltechnologie sein.

Ich finde dieser Beitrag, besonders auch mit dem Hinweis am Anfang auf die gesellschaftliche Bedeutung von Innovation bei Transportkonzepten und Systemdefinition, gehört in den Grundkanon der Ingenieursausbildung. Bei allem Detailwissen, bei aller perfekter lokaler Auslegung und Domänenwissen kann eines leicht aus dem Fokus geraten: Dass schließlich und endlich das System den Nutzen erbringen muss, nicht einzelne Funktionalitäten, nicht einzelne Elemente. Das gesamte System muss ein möglichst optimales Ergebnis liefern.

Dieses optimale Ergebnis ist oftmals nicht im endlosen Optimieren einzelner Komponenten zu finden – Gunter Duecks Supramanie lässt grüßen –, sondern erst im Zusammenspiel, in der gesamtheitlichen Betrachtung des Systems. Viele moderne Systeme lassen sich durch den einzelnen jedoch kaum noch im Zusammenspiel und Wirkweise der einzelnen Parameter aller Komponenten überblicken, eine rein analytische Auslegung oder Optimierung wird unmöglich, weil das Gesamtsystem hoch nichtlinear ist. Stark vereinfacht fängt der Entwickler an, einzelne Stellschrauben zu verändern in der Hoffnung, das sich das Gesamtsystemverhalten in der darauf folgenden Messung oder Versuchsfahrt verbessert. Dreht er an anderen Stellschrauben, kann sich dies auch wieder verschlechtern. Manuell ist aufs Gesamtsystem bezogen also wenig zu holen.

Man müsste die Möglichkeit haben, hunderte oder tausende von Stellschraubenänderungen zusammen mit dem dazugehörigen Versuch gleichzeitig und automatisch durchführen zu können. Die Technologie dafür heißt Simulation und wird mit vielerlei Werkzeugen – seien es die meines Arbeitgebers, MATLAB & Simulink, oder auch  andere Simulationstools – seit Jahren für Teilsysteme oder einzelne Komponenten durchgeführt. Wie wäre es nun, die Simulation tatsächlich in größerem Maßstab durchzuführen? Und nicht nur einmal, nicht nur zehn mal, sondern hunderte, tausende Male? Und die Parameteroptimierung dabei automatisch durchführen zu lassen? Nicht nur für einen oder zwei, sondern für dutzende Parameter? Automatische Parameteroptimierung auf numerischer Basis gibt es schon. Aber auf einem Computer kommen Sie bei derartigen Aufgabenstellungen freilich nicht. Vielleicht bekommen Sie noch einmal das Modell unter, installieren dafür aber besser die 64-bit-Version des Simulators. Aber die Simulationszeit? Ist kein prinzipielles Hindernis, denn parallelisierbar ist das ganze auch schon. (Vorsicht: 2 Produktlinks). Rechenzeit sollte doch heutzutage kein limitierender Faktor mehr sein. Was hindert Sie daran, tausende von Simulationsläufen durchzuführen, von denen jeder ein paar Stunden dauert? Dass Sie nur einen kleinen Cluster zur Verfügung haben? Wozu gibt es Clouds? Simulation funktioniert auch in Clouds wie Amazons EC2.

Und wenn Sie Simulationen nicht einfach nur platt von vorn bis hinten durchführen, sondern die Simulation des Aufstartverhaltens Ihres Systems vielleicht als Schnappschuss abspeichern und erst dort zu simulieren anfangen, wo es interessant wird, dann sparen Sie sich von jedem Simulationslauf nochmals Zeit. Und wenn Sie dann noch Abstraktionsebenen sinnvoll wählen und Detail nur dort modelliert ist, wo es auch notwendig ist, dann laufen die Modelle auch. Ein Gerüst zur Wahl der Abstraktionsebene in verschiedenen Dimensionen bietet übrigens das Kapitel über Abstraktion in meiner Dissertation. Informatik und Ingenieurswissenschaften gehören hier zusammen.

Prinzipielle Anwendungen einiger Aspekte können Sie auch in den Aufzeichnungen der Vorträge von Scania zum Thema Spritsparen und Loren Dean zum Thema Parallelisierung auf der MathWorks Automotive Conference 2010 sehen, oder auch in der dazugehörigen Keynote.

Ist das einfach, ein Gesamtsystemmodell so zu integrieren, dass es tatsächlich noch in einem heutigen Computer simuliert werden kann? Nein, das wird mit Sicherheit kein Spaziergang. Das ganze dann noch stabil in die Cloud bringen? Es wird die Hölle, zumindest am Anfang. Was aber ist die Alternative? So weitermachen wie bisher und denken Sie (= Ihre Organisation) kommen damit ewig durch? Optimierungspotential auf der Strasse lassen?

Die Technologie der Simulation kann und wird sich nur in dem Maße vereinfachen und verbessern, in dem Sie genutzt und an ihre Grenzen und darüber hinaus getrieben wird. Es liegt in Ihrer Hand, die fußballfeldergroßen Hallen voller Computerracks, die an den Flüssen dieser Welt stehen, für Innovation im Ingenieurbereich, speziell der Antriebstechnik, zu nutzen. Und es liegt an Ihnen, der Software, genauer gesagt den Softwareherstellern immer mehr abzuverlangen. Aber simulieren Sie!

Kampmann schließt mit den Worten »Wer ins System investiert, wird in Zukunft den Markt für Hybrid- und Elektrofahrzeug aktiv mitgestalten.« Und ins System investieren heißt Systemverständnis herstellen, vertiefen und verfeinern, um dann mit diesem Verständnis arbeiten und optimieren zu können. Simulation ist der Schlüssel. Tun Sie was!

Was meinen Sie? Lassen Sie es die anderen Leser und mich bitte wissen.

Disclaimer

Ich arbeite für MathWorks, den Hersteller von MATLAB & Simulink und bringe die Begeisterung für diese Software bisweilen auch in Blogbeiträgen, Tweets, Kommentaren, Posts auf Facebook, Google+ und Xing zum Ausdruck. Die Meinung in diesem Blogbeitrag gibt nicht notwendigerweise die Meinung von MathWorks wider, sondern meine persönliche.

(Foto: theaucitron auf Flickr, Lizenz Creative Commons-BY-SA)

Nachgereicht: Fragen zu den Toastmasters-Finanzen als Redevorlage

Aus dem vorigen Artikel, der Fragen zu den Toastmasters-International-Finanzen aufwarf, entstand neben einiger Diskussion auch eine Rede für meinen Toastmasters-Club, das zugehörige Redeprojekt heißt sowieso »Recherche«. Üblicherweise schreibe ich meine Reden nicht wortwörtlich auf, sondern überlege mir eine Struktur und einige Kernformulierungen, die ich bringen möchte.

Ich verwende dafür Mind Mapping, und die Struktur, die das empfehlenswerte Buch »Write to the Top« vorschlägt: Zum einen ist links das sogenannte Focus Sheet aufgelistst, das mir als Redner oder Schreiber hilft, herauszufinden, was ich überhaupt rüberbringen möchte. Es ist ein einfaches und doch wirkungsvolles Rahmenwerk, welches ich für Vorträge und Dokumente vieler Art verwende. Rechts in der Mind Map ist dann der Presenter’s Blueprint zu sehen. Dieser schägt eine Struktur der Rede vor, wobei ich nicht genutzte Alternativen gleich entfernt habe.

MindMap zur Rede7 ToastmastersFinancialsWährend der Rede zeigte ich die einige Quellen, die ich im Blogpost schon verwendete, zusätzlich einige Charts aus meiner Datensammlung, allesamt mit Google Docs erstellt:

Toastmasters International - expenses 2003-2010

Toastmasters International - expenses 2003-2010

Toastmasters International - expenses vs. revenue 2003-2010

Toastmasters International - expenses vs. revenue 2003-2010

Toastmasters International - cost per member 2003-2010

Toastmasters International - cost per member 2003-2010

Toastmasters International - asset and profit 2003-2010

Toastmasters International - asset and profit 2003-2010

Wenn jemand diese Redestruktur verwenden möchte oder schon hat, bin ich an Rückmeldung natürlich sehr interessiert.

Toastmasters-Banner

Fragen zu den Finanzen von Toastmasters International

Toastmasters International ist eine Non-Profit-Organisation, die weltweit in Clubs die freie Rede fördert. Ich bin ein begeistertes Mitglied eines dieser Clubs und finde die Idee, Menschen einen einfachen Zugang zum besseren Reden zu verschaffen, großartig. Am 3. August informierten die Präsidentin und der Direktor über eine weniger in Kürze anstehende Beitragserhöhung um 33%. Zeit für einen Blick in die Finanzen der Organisation und viele Fragen. Fall Sie ebenfalls Toastmaster sind, möchten Sie vielleicht Ihrem Area-, Division- oder District Governor ähnliche Fragen stellen. Wozu hat eine Non-Profit-Organisation mit über 270000 Mitgliedern (13000 in Europa) weit über 36 Millionen Dollar Vermögen? Wie ist zu erklären, dass eine Beitragserhöhung notwendig ist, wo die letzten Jahre meist zwischen 3 und 5 Millionen Dollar Überschuss erwirtschaftet wurden und das Gewinn/Umsatzverhältnis 14% beträgt? Wie kann es sein, dass die Beitragserhöhung durch steigende Kosten in Verwaltung und Lehrmaterial je Mitglied begründet wird, und das bei steigenden Mitgliedszahlen und anderslautenden Jahresberichten von Toastmasters (siehe Zeilen 50 und 51 der Auswertung und die folgende Grafik)? Update:In der Tat sank die Profitabilität des Lehrmaterials von um die 29% vor 2008 auf -8% seit 2009, doch ist dieser Rückgang nicht durch steigende Kosten, sondern durch sinkenden Absatz zu erklären. Wie kann das sein, wo doch bei steigenden Mitgliederzahlen durchaus zu erwarten wäre, dass auch mehr Mitglieder die Fortgeschrittenenhandbücher benötigen?

Toastmasters International - cost per member 2003-2010

Toastmasters International – cost per member 2003-2010

Warum hat eine Organisation mit 90 Beschäftigten HR-Ausgaben von über 400.000 Dollar, also etwa 4 Vollzeitbeschäftigte? Wie ist zu erklären, dass eine Non-Profit-Organisation das Vermögen hochgradig spekulativ anlegt und so im Krisenjahr 2008 an die 6 Mio Dollar Verluste (nur teilweise realisiert) einfährt, und dafür im Jahr darauf 2,5 Mio Dollar für Finanzberatung ausgibt (Update: der Posten Finance steht nicht im Zusammenhang mit Investment. Danke Ellen Hermes.)? Eine vollständige Aufstellung der Finanzen habe ich auf Basis  der Jahresberichte ab 2003 in einer Tabelle zusammengestellt, darin sind auch die Original-Finanz-Jahresberichte verlinkt. Ich sehe ernsthafte Probleme aufkommen, wenn sich noch deutlich mehr Mitglieder in verschiedenen Vereinen dieselben Fragen stellen und keine vernünftigen Antworten darauf bekommen. Die Beitragserhöhung würde rund 5 Mio Dollar zusätzlich in die Kassen spülen und damit einen Gewinn von ca. 8 Mio Dollar bedeuten, eine Gewinnspanne von über 30%. Wozu? Ist es vielleicht das Objective 3 des Strategic Plan 2010, Revenue? Die Beitragserhöhung von Toastmasters International halte ich in höchstem Maße für fragwürdig. Nicht die absolute Höhe bewegt mich, wenngleich ich die Gefahr sehe, dass damit weniger Menschen weltweit der Zugang zu Toastmasters ermöglicht wird. Es ist der Umfang des Aufschlags, den ich in Frage stelle.

Toastmasters International - asset and profit 2003-2010

Toastmasters International – asset and profit 2003-2010

Bestimmt gibt es vernünftige Antworten auf diese Fragen, lediglich habe ich sie noch nicht gefunden. Kann man von einer Non-Profit-Organisation nicht höchste Transparenz erwarten? Deshalb habe ich bei Präsidentin und Direktor, die die Beitragserhöhung ankündigten, nachgefragt. Die Antwort steht noch aus, die kurze Rede von Gary Schmidt auf der Toastmasters Conference hat jedenfalls noch keine geliefert. Fall Sie ebenfalls Toastmaster sind, dann stellen Sie Ihrem Area-, Division- oder District Governor ähnliche Fragen.


Dear Pat, dear Daniel,

thank you for this information, which, despite the attached FAQ, triggered some serious questions and concerns that I would like to raise. With an ever growing member base, how can effective cost per member go up instead of down? From 1995 to date, the U.S. inflation overall was 48.01%. With the upcoming due increase, the annual fee for Toastmasters actually doubled since then, so is four times the inflation rate (overall). How come? Where does the answer to the first FAQ (“Why are we having a dues increase?”) actually answer the question? I see a process description about how the increase is signed off, but not really a crisp and specific “why”. To get an overview, I reviewed the Toastmasters International financials since 2003 (as can be seen in the spreadsheet). The average profit margin in conjunction with the total asset and asset growth makes me hard to believe I am dealing with a non profit organization. So how do you explain the wish to increase the yearly dues when seen in light of the YoY asset growth, and given that you have a profit margin that most Fortune500 companies are dreaming of? You argument about increasing printing costs also does not hold. When put in relation to members or new members, the cost for educational materials and supplies has little variance, and for sure has not increased over the years. Even the absolute cost has only a standard deviation of .29 (see line 31). The fellow Toastmasters I consulted in reviewing the numbers have a high interest in transparency and see difficulties coming up in encouraging members to join and stay given that increase together with the high profitability. Dear Pat and Daniel, since I am currently preparing my next speech for next week, I would welcome your answers so that I can include them in my talk. As a last question, I would like your statement, on compliance of the financial behavior with the last of the Toastmasters’ promises. Thank you & Best Regards Joachim Schlosser


Neu beim LaTeX-Buch: Errata und Videotutorial

Irgendwann musste es ja mal soweit sein: Stefan S. hat den ersten Fehler der vierten Auflage des LaTeX-Buches gefunden. Die Korrektur desselben finden Sie auf der Errata-Seite. Bei einem Beispiel hatte ich schlichtweg ein Paket vergessen zu erwähnen.

Und noch eine Neuerung gibt es: Die Anleitung fürs Einrichten von LaTeX unter Windows ist auf dem neuesten Stand und berücksichtigt nun auch, dass unter Windows 7 ja nicht jeder unbedingt Adminrechte hat. Und so war es auch fällig, das dazugehörige Video übers Installieren von Emacs unter Windows neu aufzunehmen. Hiermit geschehen:

Und neu in der vierten Auflage: Die Beispiele aus dem Buch und Beispieldokumente liegen direkt auf der Website!

Gaswerk, Foto von Boris Ott

Noch nicht zufrieden oder besser als gedacht?

Augsburg, drittgrößte Stadt Bayerns, ist bekannt für… ja was eigentlich? Ein Zeitungsartikel in der Augsburger Allgemeinen über einige Feste und Veranstaltungen am Wochende zeigen Muster auf, die Hinweise auf das darunterliegende Problem geben.

Das »schwäbische Tollwood«

Da machen sich zwei Unternehmer auf und organisieren das Grenzenlos-Festival auf dem Gelände des Gaswerks, einem beeindruckenden Industriedenkmal von überregionaler Bedeutung, und manche nennen es sogar das »schwäbische Tollwood«. Es kamen 70000 Besucher, gehofft hatten sie auf 100000. Das Wetter schien problematisch zu sein, dennoch soll im kommenden Jahr eine Neuauflage folgen.

Wenn ich als Veranstalter mit der Presse spreche und damit tausende potentieller Gäste fürs Folgejahr, sollte ich dann herumweinen und meine Probleme und Hoffnungen ausbreiten? Was sendet das für eine Botschaft? Ich lese da »es war nix los« und »wenn das Wetter nicht optimal ist, braucht man nicht hinzugehen, das sagt sogar der Veranstalter«.

Reggae-Sänger Gentleman sang vor 1500 Besuchern, und ein Ensemble der Münchner Philharmoniker spielte ohne dass dafür Eintritt verlangt wurde, nachdem offensichtlich kaum Eintrittskarten verkauft wurden. Der Artikel schreibt »Strehle verbucht es unter Werbung«. Klingt das so als sei er froh darüber?

Will der Veranstalter das Event nochmal durchführen? Wohl ja. Wäre es dann vielleicht eine gute Idee, jetzt schon Lust auf das nächste Mal zu machen und das Interview als Werbemaßnahme zu nutzen? Ich meine ja. Meine Güte, 70000 Besucher an einem Wochenende, das ist ein Viertel der Stadtbevölkerung. Da kann man doch ruhig sagen »die Besucher kamen in Scharen und hatten Spaß. Wir sind stolz, aus dem Stand so ein attraktives Fest für Augsburg geschaffen zu haben. Trotz des Wetters kamen über 70000, wohl auch weil das Gelände ja durchaus auch Regenschutz bietet. Bei schönem Wetter nächstes Jahr sind wir zuversichtlich, noch einen draufsatteln zu können. Voll bewährt hat sich auch, das Konzert von Gentleman und dem Ensemble der Münchner Philharmoniker. Um möglichst vielen Besuchern den Genuß zu ermöglichen, haben wir diesen musikalischen Hochgenuß mit freiem Eintritt angeboten, was dann auch rege angenommen wurde.«

Die Fakten sind dieselben, und doch: klingt das nicht viel positiver und macht mehr Lust auf die Neuauflage des Festes?

Jakober Kirchweih

Ist das vorteilhaft, wenn das Zitat zum Fest »Dort muss frischer Wind rein, das ist nicht gut, was da läuft« lautet, so wie Sabine Hofmann vom Stadtteilverein lamentiert? Bei aller berechtigert Kritik, wäre es nicht für das durch die Zeitung ja angesprochene mögliche Publikum attraktiver etwas so anzusprechen: »Die Jakober Kirchweih ist das traditionsreichste Volksfest in Schwaben. Für das kommende Jahr nehmen wir uns zusammen mit der Stadtverwaltung und den Schaustellern einiges vor, damit die Augsburger die Schönheit des Festes noch mehr genießen und erleben können. Ich freue mich deshalb auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Ordnungsreferenten Volker Ullrich und dem Marktamtschef Werker Kaufmann.« Klingt das nicht deutlich positiver statt nur lamentierend?

Das Glas ist halb leer oder halb voll…

… und der Ingenieur sagt einfach, das Gefäß sei für die Füllmenge überdimensioniert. Im Ernst: Wer will zu einem Fest, bei dem der Veranstalter in der Zeitung lamentiert? Es geht ja nicht darum, immer top gelaunt zu sein und den Leuten was vorzuschwindeln. Doch die eigene Sichtweise macht die Realität, die eigene und beeinflusst auch die der anderen.

Augsburg ist Einstellungssache.

Doch die Frage bleibt: Trage ich mein Geld gern zu einem, der dann doch nicht zufrieden ist? Oder doch lieber zu einem Veranstalter der danke sagt und sich auch in der Zeitung auf mein Wiederkommen freut?

(Foto: Boris Ott bei Flickr, CC-BY-NC: Bestimmte Rechte vorbehalten)

Wann war Ihr letzter Fehlschlag? Versuch und Irrtum als Methode zur Lösungsfindung

Heute sah ich einen TED-Vortrag, der mich schwer beeindruckte: »Tim Harford: Trial, error and the God complex«. Warum? Weil er als Wirtschaftsjournalist ein wesentliches Prinzip des Ingenieurtums aufgreift: Versuch und Fehlschlag – auch wenn er an einer Stelle im Vortrag einen Aspekt ingenieurmäßigen Vorgehens angreift.

Tim Harford ruft uns auf, zu akzeptieren, dass viele Problemstellungen und Aufgaben der Welt zu komplex sind, als dass wir sie zur Lösungsfindung komplett erfassen können. Viele Experten seien anfällig für das »Gott-Syndrom«. Komplexe Aufgaben ließen sich eben oft besser durch Versuch und damit auch durch möglichst gute Fehlschläge lösen.

Das trifft wohl auf auch viele Aufgaben aus dem Ingenieurbereich zu, er selbst nennt als Beispiel den Sprühkopf einer ###. Und hier treffen sich die beiden Welten: Evolution, also Versuch und Fehlschlag, lassen sich mit ingenieurmäßigen Vorgehen ja wunderbar verbinden. Genetische Algorithmen in Verbindung mit Simulation, also dem virtuellen dynamischen Test, lassen uns der Lösung schon sehr nahe kommen. Und dort, wo sich das Modell gegenüber der Realität geschlagen geben muss, bedarf es dann eben noch realer Versuche und Tests.

Entscheidend dürfte dabei wohl sein, dass dieses Ausprobieren und Versuchen nicht blind geschieht, sondern die Ergebnisse jeder Runde jeweils bewertet werden. Das heißt auch, dass es viele Runden des Ausprobierens benötigt. Wie Tim Harford berichtet, sollte dies nicht unbedingt durch realen Versuch geschehen, sondern durch Simulation.

Ich freue mich, dass das Thema simulationsbasierte Optimierung damit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird. Vor allem, weil ja keiner die Genetik selbst ausprogrammieren muss, sondern es dafür vorgefertigte Werkzeuge gibt. Naheliegend für solche Verfahren erscheinen Probleme aus dem biologisch-medizinischen Bereich. Als ich gestern durch die Anwenderberichte zum Thema globale Optimierungsprobleme auf der Website meines Arbeitgebers, MathWorks, stöberte, fand ich auch einen zum Thema Design einer Brennstoffzelle für den Challenge-X-Wettbewerb an der Uni Waterloo.

Software wird für vielerlei Aufgabenstellung im Bereich der Optimierung benutzt. Das schöne daran ist eben, dass solche Algorithmen nicht länger Mathematikern und Informatikern vorbehalten sind, sondern jeder Fachrichtung offen stehen. Die Kernkompetenz wird damit zunehmend das Formulieren von Problemstellungen in mathematisch orientierten Sprachen wie MATLAB. Das detaillierte Ausprogrammieren des Lösungsalgorithmus reduziert sich stark. Und immer wieder gilt: nur die Fehlschläge bei der Suche nach einer Lösung (die Lösung gibt es ja oft nicht) ermöglichen es, uns zu lernen und den Lösungsraum einzuschränken. Weil anders als die Natur haben wir ja meist nicht ewig Zeit.

Also: Wann war Ihr letzter Fehlschlag? Und welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen, um einer Lösung näher zu kommen? Und wie haben Sie in Ihrer Entwicklungsarbeit das Fehlermachen automatisiert?

Disclaimer: Ich arbeite für MathWorks, den Hersteller von MATLAB & Simulink, und verdiene somit durch die Software zur Lösung derartiger Aufgabenstellungen meinen Lebensunterhalt.

Literaturverzeichnis LaTeX-Buch

5 Gründe, von BibTeX auf biber umzusteigen

Biber? Ist das nicht das Bäume zernagende Tier? Auch. Im Zusammenhang mit BibTeX, der Literaturverwaltung für LaTeX, ist biber ein besseres Programm, um Literaturverweise zu verarbeiten. Mittlerweile ist biber in MikTeX, der LaTeX-Distribution die ich für Windows empfehle, enthalten; in TeXlive ist biber schon ein wenig länger drin.. Zeit und Plädoyer für einen Umstieg.

Über das Zitieren habe ich schon mehrfach geschrieben, sowohl generell als auch mit konkretem Bezug auf LaTeX. Literaturverweise und Literaturverzeichnis in LaTeX entstehen ja üblicherweise wie folgt: 1) Referenzen erfassen und Zitate im Text kennzeichnen, 2) LaTeX-Prozessor aufrufen, 3) BibTeX-Daten verarbeiten und 4) nochmal den LaTeX-Prozessor aufrufen.

Statt Schritt drei durch bibtex erledigen zu lassen, können Sie biber verwenden. Eine kleine Änderung, kein Zusatzaufwand für alle die, die ohnehin schon das Paket biblatex verwenden – und dazu gibt es übrigens in meinem LaTeX-Lern-Buch ein ganzes Kapitel.

Fünf Gründe sprechen für biber:

  1. Nativer Unicode- und UTF-8 Support. Zwar gibt es mit bibtex8 auch eine Version von bibtex, die mit Umlauten und in Maßen auch mit Zeichenkodierung in UTF-8 umgehen kann. Wenn Sie jedoch flexibel sein wollen, und eventuell Dokumente mit einer Zeichenkodierung mit BibTeX-Datendateien in einer anderen Kodierung mischen möchten, dann ist biber besser geeignet. Die Option bibencoding ist der Schlüssel.
  2. Keine Speicherprobleme mehr. Hat sich bibtex schonmal beschwert über zu wenig Speicher? Sie sind daraufhin auf bibtex8 umgestiegen und haben abenteuerlich anmutende Optionen wie --wolfgang verwendet? Dann wird Ihnen biber Freude bereiten. Weil sich die Frage nach dem Speicher nicht mehr stellt.
  3. Flexibler beim Sortieren von Einträgen. Ihr Fachbereich schreibt vor, bei der Sortierung des Literaturverzeichnisses Groß/Kleinschreibung zu unterscheiden? Oder bewusst zu ignorieren? Die Sprache Ihres Dokuments verlangt eine andere Sortierung als die im Englischen oder Deutschen übliche? Bei biber können Sie das alles einstellen, mittels der Optionen sortupper und sortlocale.
  4. Kapitelweise Verzeichnisse mit nur einem Durchlauf. Im Kapitel zum Thema Literaturverzeichnis im LaTeX-Buch steht, wie Sie ein Literaturverzeichnis je Kapitel erzeugen können. Mit bibtex brauchen Sie pro Kapitel einen eigenen Aufruf des Programms. Mit biber geht das in einem Rutsch.
  5. Flexibler beim Hantieren mit Namen. Sie zitieren öfters mal Menschen, die eine Adelspräposition wie zu, von, van, … im Namen tragen? Dann macht es für nicht nur fürs Sortieren, sondern auch für das Zitieren selbst einen Unterschied, wie Sie den Namen schreiben: »van Beethoven, Ludwig« oder »Beethoven, Ludwig van«. Mit der Option useprefix entscheiden Sie selbst.

Das Konzept BibTeX halte ich nach wie vor für zeitgemäß und sehr flexibel. Das Programm zum Verarbeiten der Literaturdaten jedoch sollte durchaus den Stand der Technik darstellen. bibtex – als Programm, nicht als Konzept – war wunderbar für seine Zeit. Jetzt ist es Zeit für den Nachfolger biber. Wie Sie das dazugehörige Paket biblatex erlernen, steht im Buch.

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